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VIA-Beratungszentrum - Essstörungen

 
Konzept Essstörungen

VIA Beratungszentrum
Konzept: Beratungsangebote für Menschen mit Essstörungen

Präambel

In der Geschichte der Medizin haben unterschiedliche Erscheinungsformen der Essstörungen eine lange Tradition. Nahrungsverweigerung ist im Rahmen religiöser Praktiken ein zentraler Bestandteil (z.B. Fastenzeit). Durch das Fasten soll Enthaltsamkeit demonstriert werden. Aber das Fasten hatte immer auch rituelle Funktionen, z.B. als Bestandteil von Bußhandlungen.
Zeugnisse aus dem Mittelalter weisen aber ebenfalls darauf hin, dass die Nahrungsverweigerung auch anderen Zielen diente. Sie war anscheinend bei Frauen eine Reaktion auf eine drohende Verheiratung. Durch das Hungern wollten sie sich für den ausgesuchten Mann so unattraktiv wie möglich machen.

In der heutigen Diskussion um Essstörungen fällt auf, dass einige der interpretierten Ursachen und Motive zur Nahrungsverweigerung sich nicht verändert haben (z.B. im religiösen Zusammenhang). Auch der Beziehungskontext spielt eine Rolle, wenn Schlankheit zum Schönheitsideal einer Gesellschaft wird (dem im Übrigen nur 10% der Frauen entsprechen). Allerdings sind nicht nur Frauen betroffen, sondern auch Männer, bei denen die Zahl der Betroffenen in den letzten Jahren zunimmt.

Die Reaktion auf Essstörungen durch die Gesellschaft hat sich allerdings einem Wandel unterzogen. Die lebensbedrohliche Situation, in die eine Nahrungsverweigerung häufig führt, steht deutlich im Vordergrund der Diskussion und prägt letztendlich auch die Hilfeangebote für die Betroffenen. Dies wird verständlich wenn man berücksichtigt, dass Anorexiepatientinnen gemeinsam mit den Suchterkrankten die höchste Mortalitätsrate bei psychischen Erkrankungen aufweisen.

Um bestehende Lücken im Netz dieser Hilfeangebote zu schließen, wurde im Auftrag des Fachbereiches Soziales und Gesundheit des Ennepe-Ruhr-Kreises das folgende Konzept entwickelt.


Krankheitsverständnis

Die für dieses Konzept relevanten Essstörungen werden wie folgt definiert:

Anorexia nervosa: gehört zu den psychischen Störungen, da sie nicht nur über ein extremes Untergewicht (Body Mass Index < 17,5) definiert wird, sondern auch über eine spezifische Motivation, dieses Untergewicht zu erreichen und zu halten. Trotz des Untergewichtes
herrscht die intensive Angst, übergewichtig zu sein oder zu werden. Kontrolle des Körpergewichtes und eine mangelnde oder nur partielle Krankheitseinsicht sind ebenfalls kennzeichnend.

Bulimia nervosa: in Folge impulsiver Heisshungeranfälle, die als ichfremd und ungewollt erlebt werden, steht die Sorge, als Folge dieser Heisshungeranfälle übergewichtig zu werden. Praktizierte Gegenmaßnahmen sind Erbrechen und der Missbrauch von Abführ- und Diätmitteln.

Es gibt eine Vielzahl theoretischer Modelle, welche die Entstehung einer Essstörung erklären. Wir gehen davon aus, dass drei wesentliche Ursachen eine Rolle spielen:

prädisponierende Faktoren: hiezu gehören biologische, soziokulturelle, familiäre und individuelle Faktoren

auslösende Faktoren: sie bestimmen den Krankheitsbeginn, zu ihnen gehören kritische Lebensereignisse wie Trennungs- und Verlusterlebnisse, neues Anforderungen, Ängste, Missbrauchserfahrungen, strikte Reduktionsdiät, körperliche Aktivitäten

aufrechterhaltende Faktoren: sind Bedingungen, welche eine Essstörung aufrecht erhalten.

Zu Berücksichtigen sind nach unserer Auffassung auch genetische Faktoren. Dies bedeutet nicht, dass es ein Anorexie-Gen gäbe. Forschungsergebnisse der Epigenetik zeigen aber, dass Gene durch innere und äußere Auslöser gesteuert und beeinflusst werden. Gene steuern vielfältige Prozesse im Körper, indem sie für die Produktion der unterschiedlichsten Hormone verantwortlich sind.
Dabei werden frühe Erfahrungen und die genetische Reaktion darauf „festgeschrieben“. Diese Festschreibung ist durch neue Erfahrungen veränderbar.


Zielgruppe

Das Angebot des VIA-Beratungszentrums richtet sich vorrangig an:

• Jugendliche, die zur Entwicklung einer Anorexie oder Bulimie neigen
• Menschen mit Anorexie oder Bulimie
• Angehörige von Menschen mit Essstörungen


Methoden

Das Angebot des VIA-Beratungszentrums beinhaltet ausschliesslich Beratungs- und Vermittlungsleistungen. Zu Grunde gelegt wird dabei unser in der Gesamtkonzeption und im Handbuch beschriebenes Verständnis von Beratung. Die Beratungsgespräche beinhalten Methoden auf der Grundlage der klientenzentrierten Gesprächsführung, der Verhaltenstherapie und der Gestalttherapie. Wir arbeiten lösungs- und ressourcenorientiert. Eine zentrale Grundlage unserer Angebote ist die Freiwilligkeit bzw. das eigenständige Interesse von Betroffenen an Veränderungen.

Neben Einzelgesprächen werden zudem Gruppenangebote durchgeführt.


Prävention

Das Präventionskonzept des VIA-Beratungszentrums bezieht die nicht stoffgebundenen Süchte ein. Die entsprechenden präventiven Massnahmen sind dort formuliert.


Frühintervention

Die Erfahrung zeigt, dass Menschen mit Essstörungen in aller Regel zu spät in ein Hilfeangebot gelangen. Eine rechtzeitige Intervention hilft in der Regel eine langfristige Verfestigung der Störung zu verhindern. Die Behandlungsdauer wird dadurch deutlich verkürzt, die Lebensqualität der Betroffenen steigt.
Daher ist es ein vorrangiges Ziel unseres Angebotes, Gefährdete und Betroffene frühzeitig zu erreichen, sie für die Thematik zu sensibilisieren und ggf. zu einer Behandlung zu motivieren.
Die bereits bestehenden regelmäßigen Präsenzzeiten in den weiterführenden Schulen vor Ort erleichtern dabei die Kontaktaufnahme. Zugleich soll durch regelmäßige Informationsangebote im Rahmen des Unterrichtes über die Problematik informiert werden. Dadurch soll die Hemmschwelle zur Kontaktaufnahme gesenkt werden.


Beratung

Betroffenen und ihren Angehörigen fehlen oft Informationen über Ursachen, Verlauf und Risiken von Essstörungen sowie über Behandlungsangebote. Damit einher gehen besonders bei den Angehörigen Unsicherheiten, wie sie sich gegenüber dem/der Betroffenen verhalten sollen. Unser Beratungsangebot soll daher

• Handlungssicherheit im Umgang mit Menschen mit Essstörungen vermitteln
• gemeinsam mit Betroffenen Handlungsperspektiven entwickeln und sie somit auch zu einer Entscheidung zum weiteren Umgang mit ihrer Problematik befähigen
• bei Bedarf zu einer medizinischen und therapeutischen Behandlung motivieren
• Angehörige werden (auch längerfristig) beraten, um Sicherheit im Umgang mit dem essgestörten Familienmitglied zu erlangen und somit den Heilungsprozess zu unterstützen.


Vermittlung

Das Angebot der Beratungsstelle versteht sich nicht als eine therapeutische Hilfe. Dementsprechend wird bei Bedarf an die spezifischen medizinischen und therapeutischen Einrichtungen vor Ort vermittelt. Grundlage hierfür ist eine sorgfältige Anamnese, um in ein der Problemlage angemessenes Hilfeangebot vermitteln zu können.
Das bereits bestehende Netzwerk wird überprüft und den Erfordernissen der neuen Zielgruppenproblematik angepasst. Eine besonders enge Zusammenarbeit wird dabei mit dem Gemeinschaftskrankenhaus Herdecke angestrebt, die über eine lange Erfahrung in der Behandlung von Essstörungen verfügen.


Nachsorge

Die Rückfallquote bei AnorexiepatientInnen liegt nach einer stationären Behandlung im ersten Jahr bei ca. 30%. Diese Quote bestätigt die Notwendigkeit eines Nachsorgeangebotes.
Im Anschluss an eine (überwiegend stationäre) Behandlung sowie begleitend bei einer ambulanten Therapie stehen Betroffene vor dem Problem, das in der Therapie gelernte umzusetzen. Sie treffen dabei auf ein Umfeld, dass sich im Wesentlichen nicht verändert hat. Unser Nachsorgeangebot soll den Betroffenen dabei helfen, das in der Therapie gelernte in den altbekannten Strukturen umzusetzen. Vor allem die Bereiche Freizeitgestaltung und soziale Kontakte stehen dabei im Vordergrund.


Selbsthilfe

Selbsthilfegruppen sind auch in der Behandlung von Essstörungen ein wesentlicher Bestandteil des Hilfesystems. Sie helfen den Betroffenen, den Behandlungserfolg nachhaltig zu sichern. Unser Beratungsangebot unterstützt und fördert daher die Selbsthilfegruppen für Menschen mit Essstörungen. Daher gehört auch die Förderung der Motivation zum Besuch von Selbsthilfegruppen zu unserem Beratungsangebot.

 
Informationen zum Thema Essstörungen

- Essstörungen - Leitfaden für Eltern, Angehörige und Lehrkräfte
- Essstörungen: Was ist das?
- Essgestört? Übergewichtig? So findest du Hilfe

Die Informationsbroschüren können auch kostenlos per E-Mail an
via-herdecke@awo-en.de oder telefonisch unter 02330/3153 angefordert werden.
Zuständige Ansprechpartnerin in der Einrichtung ist Frau Salbreiter.

 

 

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